Konzert „North and South" im Heimathaus
WN-Bericht und Foto von Axel Engels
Montag, 09.03.2026
Daniel Roth und Sängerin Noelia Tomassi gaben ein unterhaltsames Konzert.
OSTBEVERN. Das sehr gut besuchte Konzert „North and South" im Ostbeverner Heimathaus war weit mehr als
ein gewöhnlicher Abend mit Jazz und Liedern aus verschiedenen musikalischen Traditionen. Es war eine
fein austarierte Begegnung zweier musikalischer Biografien, zweier kultureller Räume und zweier
sensibler Künstlerpersönlichkeiten, die das Publikum mit auf eine inspirierende klangliche Reise nahmen.
Daniel Roth ist hier längst ein vertrauter Gast. Mit der Sängerin Noelia Tomassi an seiner Seite erhielt
diese Rückkehr jedoch eine neue Facette. Die aus Buenos Aires stammende und heute in Berlin lebende
Künstlerin brachte eine andere musikalische Prägung mit. Ihre Stimme ist gleichermaßen von der
Melancholie des Rio de la Plata wie von der Offenheit der europäischen Jazzszene geprägt.
Das Programm „North and South" erwies sich damit nicht nur als Titel, sondern als dramaturgisches
Konzept. Den Auftakt bildete Duke Ellingtons Klassiker „In a Sentimental Mood". Daniel Roth verstand es,
am Klavier mit wenigen, fein gesetzten Akkorden jene schwebende Atmosphäre zu erzeugen, die dieses Stück
auszeichnet. Noelia Tomassi nahm mit warmem Timbre und klarer Phrasierung die Melodie auf und zeigte
sich als Sängerin mit ausgeprägtem Gespür für Nuancen. Es folgte „Cho-vendo na Roseira" von Antonio
Carlos Jobim, das Daniel Roth mit federndem Rhythmus und subtiler Harmonik gestaltete, während Noelia
Tomassi mit großer Gefühlstiefe die Leidenschaft Südamerikas in das westfälische Heimathaus holte.
„Dos Gardenias" von Isoli-na Carrillo brachte eine besondere Intensität mit sich, getragen von Tomassis
erzählerischer Interpretation, während Daniel Roth mit sensiblen Begleitfiguren eine klangliche Basis
schuf, auf der sich die Stimme frei entfalten konnte. Mit „Turn Your Lights Down Low" von Bob Marley
wurde das Repertoire um eine weitere kulturelle Dimension erweitert. Reggae-Rhythmen mischten sich hier
mit jazziger Harmonik, und Stilgrenzen wurden spielerisch überschritten, ohne die Essenz des Songs zu
verlieren.
Dass anschließend erneut ein Stück von Antonio Carlos Jobim erklang, „Desafinado", wirkte fast wie ein
ironisches Augenzwinkern, denn das berühmte Lied über das angeblich falsche Singen bot Noelia Tomassi
Gelegenheit, ihre sichere Intonation und ihr feines Gespür für rhythmische Verschiebungen unter Beweis
zu stellen. Mit Thelonious Monks „Round Midnight" erklang ein Werk, das im Jazz eine nahezu mythische
Stellung besitzt.
Mit „I Will" und „She's Leaving Home" folgten zwei Stücke aus dem Repertoire von Lennon und McCartney,
deren melodische Klarheit und emotionale Direktheit im intimen Rahmen des Heimathauses besonders gut zur
Geltung kamen.
„Put Your Records On" von Corinne Bailey Rae brachte einen Hauch moderner Pop-Sensibilität in das
Programm, doch auch hier blieb der Grundton des Abends erhalten: eine ruhige, nach innen gerichtete
Musikalität, die weniger auf spektakuläre Effekte als auf authentische Ausdruckskraft setzte. „Devil May
Care" von Bob Dorough brachte anschließend einen Hauch von Swing in den Raum, bevor mit „Vida Mia",
einem Tango von Osvaldo und Emilio Fresedo, noch einmal die musikalische Herkunft Noelia Tomassis
aufleuchtete. Ihre Stimme nahm hier eine dunklere, leidenschaftlichere Farbe an, während Daniel Roth die
charakteristischen harmonischen Wendungen des Tangos behutsam andeutete.
Ein besonders persönlicher Moment des Abends entstand, als für den im Publikum anwesenden
Geburtstagsgast Bruno Müller das Lied „God Bless the Child" erklang. Diese spontane Geste verlieh dem
Konzert eine intime Note und zeigte die enge Verbindung der sympathischen Künstler zu ihrem Publikum.
Zum Abschluss sangen Künstler und Zuhörer gemeinsam „Che sarà", ein Lied, das in vielen Ländern Europas
bekannt ist und gerade durch das gemeinsame Singen eine Atmosphäre der Verbundenheit entstehen ließ.
Daniel Roth und Noelia Tomassi reagierten dabei aufmerksam auf kleinste Nuancen und schufen einen
musikalischen Dialog, der von gegenseitigem Respekt und künstlerischer Offenheit geprägt war.
Daniel Roth brachte seine jahrzehntelange Erfahrung ein, während Noelia Tomassi mit ihrer warmen,
ausdrucksstarken Stimme dem Programm eine unverwechselbare emotionale Tiefe verlieh. Am Ende dieses
Abends blieb der Eindruck einer Reise, die weniger geografische Entfernungen überbrückte als vielmehr
emotionale Räume öffnete - eine Reise zwischen dem pulsierenden Rhythmus des Nordens und der leuchtenden
Melancholie des Südens.